Vortrag Hilde Pfister: "Zorn, Aggression und Langeweile – vom Umgang mit schwierigen Emotionen" (2014 / Familienbildungsstätte)

Durch evolutionäre Entwicklungsprozesse haben sich Gefühle herauskristallisiert, die wichtig sind, um das Überleben und den Zusammenhalt von menschlichen Gemeinschaften zu sichern.

 

Basisaffekte sind grundlegende menschliche Emotionen, die in allen Kulturen beobachtet wurden und die mit identischen körperlichen Reaktionen mit identischer Mimik einhergehen: Freude, Trauer (Leid), Interesse, Überraschung, Widerwillen, Zorn, Angst, Verachtung, Scham.

 

Aus diesen Emotionen entwickeln sich vielfältige Gefühlsäußerungen. Gefühl: elektro-biochemisch neurobiologischer Lebensprozess, der abhängig von der Umwelt (Reiz) und von der Lebenserfahrung ist

 

Je größer unser Erfahrungsschatz ist, umso differenzierter wird auch unser emotionales Bewertungssystem

 

Drei Gehirnbereiche: Hypothalamus, Amygdala, präfrontaler Cortex: Zwischen diesen drei Regionen fließen Impulse, die für das Entstehen von Gefühlen entscheidend sind. (NB Die neuronalen Mechanismen, die dem Entstehen von Gefühlen zugrunde liegen, sind noch nicht hinreichend charakterisiert und bedürfen weiterer Forschung).

 

Hypothalamus: Körperreaktionen (Atmung, Haut, Blutdruck, Schweißabsonderung, Muskeln)

 

Amygdala (Mandelkern): Emotionszentrum, spielt allgemein eine wichtige Rolle bei der emotionalen Bewertung und Wiedererkennung von Situationen sowie der Analyse  möglicher Gefahren: sie verarbeitet externe Impulse und leitet die vegetativen Reaktionen dazu ein. Eine Zerstörung beider Amygdala führt zum Verlust von Furcht- und Aggressionsempfinden und so zum Zusammenbruch der mitunter lebenswichtigen Warn- und Abwehrreaktionen. 

 

Präfrontaler Cortex: bewusste Gefühle, Steuerung

 

Gefühle...

...lösen körperliche Reaktionen aus.

...sind motivierend.

...dienen der Kommunikation.

...prägen unsere soziale Bindung.

...beeinflussen unsere bewusste kognitive Wahrnehmung.

...helfen Entscheidungen zu treffen.

 

Gefühle wollen wahrgenommen werden (individuelle Komponente).

 

Gefühle wollen mitgeteilt werden (soziale Komponente).

 

Wenn Gefühle da sein dürfen und angenommen werden von der Person selbst und dem Gegenüber, verändern sie sich, entwickeln sich weiter oder lösen sich auf.

 

Wenn Gefühle unbewusst bleiben, beeinflussen sie dumpf unser Empfinden (schlechte Laune, depressive Gefühle, Leere).

 

Über lange Zeiträume verdrängte Gefühle können in den Körper „rutschen“, die Muskulatur verkrampft sich, Magen, Darm, Leber, Galle, Niere können empfindlich reagieren, und Kopf-, und Rückenschmerzen können auftreten.

 

Es kostet Kraft, Gefühle zu verdrängen: Lebensenergie geht verloren. Leidenschaftliches Leben ist nur möglich, wenn das gesamte Gefühlsspektrum gelebt wird. (Fühlen bedeutet nicht Ausagieren!)

 

Jedes Gefühl darf sein, es hat seine Berechtigung und darf an die Oberfläche: das bedeutet nicht, dass es ausgelebt werden darf. Sozial angemessener Ausdruck muss erlernt werden (Erziehung, Sozialisation).

 

Hilfreich: das Benennen von Gefühlen schafft Struktur, das Gefühl wird dadurch erfassbar, handhabbar (der präfrontale Cortex, d.h. der Verstand wird miteinbezogen).

Spiegeln: das Kind braucht das Gespiegelt werden, um sich selbst und seine Gefühle kennenzulernen.

In der Kommunikation mit einem Baby spiegelt jeder (gesunde) Mensch die Gefühlsregungen des Säuglings.

Bei den älteren Kindern fällt es schwer, die Emotionen zu spiegeln, die man selbst negativ bewertet oder verdrängen musste. Durch den Zornausbruch des Kindes wird der eigene (unterdrückte) Zorn "angepiekt".

 

Emotionale Kompetenz bedeutet, dass ein Mensch seine Gefühle wahrnehmen, steuern und angemessen ausdrücken kann. Durch das Spiegeln und Benennen der Gefühlsäußerungen des Kindes lernt das Kind, seine eigenen Emotionen genauer wahrzunehmen und einzuordnen. Es lernt mit der Zeit, Ausdrucksformen zu finden, die „erlaubt“ sind, die nicht zerstörerisch sind und also niemandem wehtun. Diese Fähigkeit erwirbt das Kind von innen heraus, durch das Durchleben der oft starken Gefühle und durch die Begrenzung des Verhaltens im Außen. Dem kleinen Kind müssen Möglichkeiten eingeräumt werden, seinen Zorn auszuagieren (schreien, aufstampfen, Spielzeug auf den Boden werfen und Ähnliches).

 

Eltern können ihr Kind unterstützen, aber sie können die emotionalen Probleme ihres Kindes nicht lösen. Zur emotionalen Kompetenz gehören auch das Erkennen und der einfühlsame, stimmige Umgang mit den Emotionen der anderen.

 

Dazu ist es notwendig, dass das Kind mitbekommt, was der Erwachsene fühlt und wie er mit seinen Emotionen umgeht. Es ist also sehr hilfreich für das Kind, wenn die Eltern/Erzieher ihre eigenen Gefühle stimmig äußern und benennen und keine Schauspielerei betreiben.

 

Emotionale Kompetenz ist die Basis der sozialen Kompetenz: im Zentrum von befriedigenden freundschaftlichen, partnerschaftlichen und kollegialen Beziehungen steht der Umgang mit den Emotionen – den eigenen und denen des Partners.

 

Zorn, Aggression: aggredior (lateinisch): herangehen, darauf zugehen, angreifen: Überlebenswichtige Kraft, mit der der Mensch für sich selbst kämpfen und eintreten kann.

 

Wenn das Kind seinen Zorn abspalten muss, verliert es einen Teil seiner Lebenskraft. "Geh ins Zimmer, wenn Du lieb bist, komm wieder raus" bedeutet: "In Harmonie mit mir kannst Du nur sein, wenn Du Deinen zornigen Teil mit Dir selbst ausmachst". Die Erfahrung, mit schwierigen Gefühlen allein sein zu müssen, kann das Beziehungsverhalten prägen und zur Abspaltung von Persönlichkeitsanteilen führen. ("Vielleicht verlässt der andere mich, wenn ich "böse" bin?") .


Das Kind identifiziert sich noch ganz mit seinen Gefühlen, werden diese abgelehnt, fühlt es sich selbst abgelehnt. Wichtig: Trennung von Gefühl und Verhalten: sauer sein ja, kaputt machen nein.

 

Auch Eltern dürfen zornig sein, nicht nur die Kinder: Zorn benennen, das Kind nicht schuldig machen (nicht: "Du machst mich wütend", sondern: "ich bin wütend"). Traurige, verzweifelte Gefühle des Erwachsenen: Das Kind nicht anlügen, es aber auch nicht belasten mit der ganzen Wucht der Gefühle. Das Kind erfährt: nicht nur ich werde ab und an überrollt von heftigen Gefühlen. Es lernt am Vorbildverhalten, wie man mit starken Gefühlen umgehen kann und dass man sich auch entschuldigen kann, wenn man verletzend geworden ist.

 

Wenn das Kind gerade von seinen Emotionen überrollt wird, macht es wenig Sinn, vernünftig mit ihm zu sprechen. Zunächst reicht es, sein Kind anzuschauen, sich kurz einzufühlen, gar nichts zu sagen.

 

Das Kind hat noch kein integriertes Gehirn, die Verbindung von rechts nach links, bzw. von Teilen des Gehirns, die für Emotionen zuständig sind, sind noch nicht verknüpft mit analytischen, rationalen Bereichen. Das Kind kann seine Emotionen noch nicht "einordnen". Es identifiziert sich vollkommen mit seinem momentanen Gefühl und fühlt sich insgesamt abgelehnt und unverstanden, wenn sein Gefühl nicht verstanden wird.

 

Wenn der Erwachsene sich zunächst mit der Emotion des Kindes "verbindet" (sie wahrnimmt, sich einfühlt), beruhigt sich das Kind schneller und wird für vernünftige Überlegungen zugänglich. Es hilft dem Kind, wenn die Bezugsperson das, was vorgefallen ist bzw. das, worüber das Kind verärgert oder enttäuscht ist, in Worte fasst. Fragen wie: "Was können wir jetzt machen?" regen das Kind zum Denken an – die Verbindungen zwischen Emotion und Verstand verstärken sich.

 

Schreiattacken, um etwas zu erreichen: Zorn vom Kind eingesetzt, um etwas zu bekommen: Das Kind braucht die klare Reaktion des Erwachsenen, dass es durch Tyrannei (hartnäckiges Schreien u.a.) nichts erreichen kann. Ggf. muss es klar begrenzt werden, durch ein klares Nein, durch Wegführen, auf den Arm nehmen, festhalten.

 

Hilfreich kann eine Halt gebende feste Umarmung sein, die dem Kind die Möglichkeit gibt, laut zu schreien, aber nichts kaputt zu machen und niemanden, auch nicht sich selbst, weh zu tun.

 

Auch übermüdeten Kindern hilft eine klare Linie und Begrenzung von außen.

 

Will das Kind etwas nicht, was es tun soll: der Erwachsene kann verlangen, dass das Kind den Auftrag erfüllt. Unnötig ist es zu verlangen, dass das Kind die Sinnhaftigkeit des Auftrags "einsieht". Das Kind darf also seinen Widerwillen behalten, es muss nicht überzeugt werden Es muss sich einfach nur an die Ansage halten, ohne dass ihm seine Emotionen "zurechtgerückt" werden.

 

Langeweile: Langeweile reizt zur Aktivität. Aus der Leere entsteht Kreativität. Langeweile prompt zu beseitigen, sobald sie aufkommt, kann in ein Leben oberflächlicher Ablenkung führen. Die Vergnügungen werden schal, wenn sie dauerhaft von außen kommen. Die Reize müssen stärker werden, der Film noch spannender, das Computerspiel noch aggressiver, damit Gehirn und Körper mit Lustgefühlen reagieren (Abstumpfung). Der Mensch, der sich nur noch dann zufrieden, angeregt, oder heiter fühlen kann, wenn von außen etwas "zugeführt" wird, ist gefährdet, in schwierigen Lebenssituationen auf Substanzen zurückzugreifen, um sein Unwohlsein "wegzubekommen".

 

Das Kind, das durch vielfältige ganzheitliche Sinneserfahrungen (Spiel, Bewegung, Singen, Zusammensein) ein reiches Innenleben entwickelt hat und das gelernt hat, aus eigener Kraft mit Schwierigkeiten fertig zu werden, wird in späteren Lebenskrisen weniger zu Suchtverhalten neigen (Essen, Medien, Tabletten, Drogen, Alkohol usw.).

 

Zu viele Reize von außen (Fernsehen und Co.) vermindern die Fähigkeit, innere Bilder zu entwickeln. Insbesondere nach Medienkonsum liegt die Fähigkeit zunächst brach, eigene kreative Ideen zu entwickeln. Es braucht Leerlauf, um das Gehirn wieder in Gang zu bringen.

 

Es ist nicht die Aufgabe der Eltern/Erzieher, die Langeweile des Kindes zu beseitigen.

Erwachsene stellen Raum, Zeit, Material und Unterstützung zur Verfügung, damit Kinder von innen heraus tätig werden können. Entertainer und Attraktionen brauchen Kinder nicht.

 

Frust: kleine Frusterlebnise (die "optimale Dosis") stärken das Kind, es lernt, mit Enttäuschungen, Misserfolgen und Zurückweisungen umzugehen. Es erfährt: "ich schaffe das", "ich halte das aus", und erlernt Strategien, um sich selbst zu helfen und sich selbst zu trösten. ( Verselbständigung).

 

Der Säugling mit seinen Grundbedürfnissen nach Nahrung, Wärme, Geborgenheit, Sicherheit darf nicht anhaltend frustriert werden – die Nichtbefriedigung von Grundbedürfnissen löst existentielle Ängste aus und mindert die Lebensfreude.

Wünsche müssen nicht befriedigt werden. Oft stecken hinter Wünschen Grundbedürfnisse und es ist hilfreich, diese wahrzunehmen, auch wenn der Wunsch zurückgewiesen wird. (Beispiel: "ich will bei Euch im Bett schlafen". Die Erfüllung des Wunsches kann verweigert werden, dem Bedürfnis nach Nähe an anderer Stelle entgegengekommen werden, z. B. am Abend oder am Morgen.

 

Das Kind, das zu sehr vor frustrierenden Erfahrungen, vor den Herausforderungen des Lebens und den Folgen seines Handelns beschützt wurde, ist in Gefahr, an späteren Lebenskrisen, an Erfahrungen von Verlust und Scheitern zu zerbrechen. Das Erleben der eigenen Selbstwirksamkeit kann sich bei zu viel Schutz und bei einem Erziehungsverhalten mit "All-Inklusive-Service" nicht ausreichend ausbilden, der Loslösungsprozess wird erschwert. Solche Menschen neigen später dazu, die Schuld bei eigenen Misserfolgen im Außen zu suchen und haben Schwierigkeiten, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.

 

Literatur:

Achtsame Kommunikation mit Kindern von Daniel J. Siegel und Tina Payne Bryson

Wenn Trotzkind dich zum Wahnsinn treibt –schweig! von Silvia Streifel (E-Book)